Je banaler, desto lebendiger
Heute Morgen bin ich eine halbe Stunde früher aufgestanden – ohne zu verhandeln. Über die leise Stimme, die uns im Bekannten festhält.

Heute Morgen habe ich mich gezwungen, eine halbe Stunde früher aufzustehen. Ich habe den Wecker gestellt und meinem Gehirn keine Sekunde Raum gegeben, mit seinen alten Geschichten und altbekannten Ausreden zu beginnen, warum es doch besser wäre, liegen zu bleiben. Ich habe nicht verhandelt. Nicht analysiert. Ich bin einfach aufgestanden.
Warum?
Weil ich eine wichtige Sache weiß: Unser Gehirn mag kein Unbehagen. Seine erste Aufgabe ist nicht, uns diszipliniert, erfolgreich, fit oder glücklich zu machen. Seine Grundaufgabe ist, uns zu schützen und Energie zu sparen. Deshalb erlebt es jede Anstrengung, jede Veränderung und jedes Verlassen der Komfortzone oft als etwas, das man vermeiden sollte. Nicht, weil es wirklich gefährlich ist – sondern weil es unbekannt ist.
Und so meldet sich diese innere Stimme: „Bleib noch ein bisschen.“ „Du bist zu müde.“ „Fang morgen an.“ „Ein Tag ändert doch nichts.“
Wie oft haben wir alle auf diese Stimme gehört?
Interessant ist, dass sie oft wie Logik klingt. Wie eine vernünftige Entscheidung. Wie Selbstfürsorge. Und sehr oft ist sie nur Widerstand gegen Veränderung.
Heute Morgen habe ich nur leise gesagt: „Keine Sorge. Wir werden nicht sterben. Danach wird es uns gut gehen.“ – Und es hat auf mich gehört.
Auch der Zweifel ist Ihr Gehirn
So banal das klingen mag – vielleicht sogar lächerlich –, mancher denkt jetzt vielleicht: „Was ist das denn für ein Unsinn?“ Aber auch das ist interessant. Denn auch das ist wieder Ihr Gehirn. Dasselbe, das keine Veränderung mag. Das Bekanntes, Sicheres und Vorhersehbares liebt. Das Sie in alten Mustern halten will, selbst wenn diese Muster Ihnen nicht mehr guttun.
Denn wenn Sie diese Idee wirklich ernst nehmen und anfangen, anders zu handeln, muss sich etwas ändern. Und Veränderung kostet Energie. Unbehagen. Das Verlassen des Autopiloten.
Darum flüstert das Gehirn so oft: „Ach, lass doch.“ „Das bringt nichts.“ „Das ist zu einfach, um zu wirken.“ „Das schaffst du sowieso nicht.“ – wie ein Freund, der sich um Sie sorgt und Sie in Wahrheit ausbremst.
Genau in diesem Moment lohnt es sich, innezuhalten und zu erkennen, was eigentlich passiert.
Das Leben ist einfacher, als wir es machen
Wir sind es, die es mit übertriebenen Analysen, Ängsten, Aufschieben und endlosen inneren Gesprächen kompliziert machen.
Manche der größten Veränderungen verstecken sich in den gewöhnlichsten Dingen: aufzustehen, wenn man nicht mag. Spazieren zu gehen, wenn man lieber liegen würde. „Nein“ zu sagen, wo man sonst geschwiegen hätte. Anzufangen, bevor man sich ganz bereit fühlt. Zum Training zu gehen, obwohl man keine Lust hat. Die Nachricht zu schicken, die man seit Wochen aufschiebt. Den ersten Schritt zu machen, ohne Garantie, dass alles perfekt wird.
Manchmal stelle ich mir unseren Verstand wie ein kleines, ängstliches Kind vor. Nicht, weil er schwach ist – sondern weil er Sicherheit sucht. Unsere Aufgabe ist nicht, ihm jedes Mal das Steuer zu überlassen, wenn er Angst bekommt. Unsere Aufgabe ist, ihn zu beruhigen und mitzunehmen: „Ich weiß, dass es dir unangenehm ist. Ich weiß, dass du lieber im Bekannten bleiben würdest. Aber wir gehen trotzdem.“
Denn Wachstum entsteht selten aus Bequemlichkeit.
Je banaler – desto lebendiger.
Das Leben verändert sich meist nicht durch große, dramatische Entscheidungen. Es verändert sich durch kleine, unspektakuläre, alltägliche Entscheidungen, die wir so lange wiederholen, bis sie unser neues Leben sind.
Sie erkennen sich wieder?
Sie müssen das nicht allein schaffen. Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, was Ihnen helfen kann.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Beratung, ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Akute Krise? Sofort Hilfe: 0800 111 0 111


